Fingals Schatten


für Flöte, Oboe und Streichquintett

Partitur

Welches Erlebnis der entscheidende Auslöser für die Komposition der Hebriden-Ouvertüre („Die Fingalshöhle“) für Felix Mendelssohn Bartholdy war, lässt sich heute schwer ausmachen. Eine musikalische Darstellung der sagenumwobenen und landschaftlich beeindruckenden Fingalshöhle auf der kleinen Hebriden-Insel Staffa war es mit Sicherheit nicht, denn die ersten Takte der Ouvertüre, die das Hauptthema enthalten, entstanden bereits vor seiner Überfahrt nach Staffa.

Das, was an Sinnlichkeit und Naturereignis in der Ouvertüre übermittelt wird, ist demnach ein allgemeineres Abbild der überwältigenden Eindrücke, die Mendelssohn auf seiner Reise 1829 durch die schottischen Highlands und besonders bei seiner Ankunft auf den Hebriden sammelte.

2008 beauftragte mich das Mendelssohn Kammerorchester Leipzig mit der Komposition einer Musik für die Mendelssohn-Festtage. In diesem Rahmen wurde Fingals Schatten am 7. September 2008 im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt.

Die Komposition ist auf der CD Momentaufnahme veröffentlicht.

Ausgangspunkt für meine Komposition war Mendelssohns Ouvertüre. Ich habe mich der Musik aus ganz verschiedenen Perspektiven genähert. Ein wichtiger Anknüpfungspunkt war das, was sich an Naturhaftem und Mythologischem durch Mendelssohns Musik übermittelt (Mendelssohn: „… wie seltsam mir auf den Hebriden zu Muthe geworden ist …“) – Ich habe selbst auf meinen Reisen durch Schottland die Hebriden kennengelernt und erinnere mich noch sehr genau an die überwältigenden Natureindrücke: endlos karge Hochmoore, schroffe Felsen, die steil zum tosenden Meer abfallen, ein freundlicher Himmel, der sich im nächsten Augenblick in schwarze Gewitterwolken verwandelt…  Andererseits arbeitete ich ganz konkret mit Mendelssohns Musik. In vielfältiger Weise habe ich Melodien, Bewegungsabläufe, Satztechniken, Entwicklungsvorgänge in meine Musiksprache transformiert.

Fingals Schatten mit dem Mendelssohn Kammerorchester Leipzig

MDR-Beitrag, Interview zu Fingals Schatten

Anschaulich und Kompakt – Porträt mit Werken von Keuk und Reinhold

Fingals Schatten entstand 2008 als Auftrag für die Mendelssohn-Festtage; da war Reinhold noch nicht mal in der Nähe der Fingalshöhle: Die mikrotonalen Ein-Ton-Wellen branden dennoch überzeugend vor dem geistigen Auge auf und werden im Schatten der Höhle verschluckt. Die sich in den Echoes of Staffa nur selten wieder zusammenfinden. Welle trifft auf Welle, Wasser auf Stein, Cello auf Klarinette, Mendelssohn auf Reinhold. Spaltklänge versinnbildlichen die historische und ästhetische Distanz zwischen den beiden Leipziger Tonkünstlern. Ich jedenfalls habe mir noch am selben Abend Whisky und Hebriden-Ouvertüre gegönnt – um in beidem die Werke Steffen Reinholds zu entdecken, die damit im besten Sinne genussfördernd sind. Schön, wenn Neue Musik das schafft!

Peter Motzkus, Dresdner Neueste Nachrichten, 18.3.2016